Der Lauf der Welt [irgendwann im Winter '07]



Und wieder blühen die Rosen.
Ihr Duft legt sich wie zarter, kaum wahrzunehmender Nebel über die Welt und beschwört ein Bild aus der Erinnerung hervor – eine Rosenhecke, die dunkelgrünen Blätter im schwindenden Licht kaum zu unterscheiden von den tiefroten Blüten, davor die Silhouette zweier Menschen. Ein Versprechen. Lächeln.

Doch es ist nur ein Bild, eine Momentaufnahme aus einem längst vergessenen Film, leicht vergilbt und an den Ecken angeknickt.
Geblieben ist der Duft.

Ich schließe die Augen und atme ihn ein und hoffe, wünsche mir, bete darum, dass, wenn sich meine Augen wieder öffnen, die Illusion, dass nichts geschehen sei, der Wahrheit entspricht – nichts geschehen; keine Taten vollbracht, keine Tränen geweint, keine Zeit vergangen. Keine Jahre, Monate, Wochen, Tage! Nicht mehr als ein Atemzug, die Reflexion eines Sonnenstrahles in der spiegelnden Oberfläche eines Teiches, ein Schlag unserer Herzen, das Flattern eines kleinen Schmetterlings mit seinen Flügeln…?

Das Erwachen ist – wie immer – bitter. Ich trete näher an die Hecke heran, glaube den Kies unter meinen nackten Füßen spüren zu können und berühre vorsichtig mit den Fingerspitzen ein Blütenblatt. Es fühlt sich so weich an. So verletzlich. Als ich die Hand zurückziehe, haftet ein Hauch des Geruches an ihr. Ich frage mich, wie ich ihn je habe vergessen können.

Ich widerstehe dem Drang, mich umzudrehen, weil ich doch weiß, ganz genau weiß, dass ich mir den Luftzug, das Geräusch ihres Atems, nur einbilde und sie nicht dort sein wird. Das kaum wahrzunehmende Kitzeln ihrer Berührung, die ich an meinem Hals zu spüren glaube, ist eine Täuschung. Es kann nur eine Täuschung sein.

Und tatsächlich, als ich mich dann wider besseren Wissens umwende, ist niemand da. Sie ist fort, sie ist fort, sie ist fort… Gewiss, ihr verspracht euch einst, dass ihr – was auch immer geschehen wird, irgendwann einmal – euch wieder sehen würdet, an diesem Ort, unter der Rosenhecke, dort, wo der Regenbogen endet und die Zukunft mit der Gegenwart und Vergangenheit verschmilzt… – doch sie ist nicht da. Ich hätte nicht herkommen dürfen. Es war dumm.

Und die alte Bitterkeit steigt wieder in mir auf, sie schmeckt so neu und unvergänglich wie es der Duft der Rosen ist. Sie gehören zusammen, die Bitterkeit – das Bereuen – und die Vorspiegelung dessen, dass alles, alles gut ist. Und es keine Scherben gibt. Keine Sprünge im Glas. Nein, nein. Alles ist gut. Meine Lippen verziehen sich zu einem Lächeln. Bitter. Alles ist gut!

Und es war auch immer alles gut, quer durch die Zeit, die irgendwann einmal nicht wichtig war, kein wirkliches Gewicht besaß, aber wann denn, sagt mir, wann?

Es war immer alles gut. Die Tage vergehen in dem ihnen gegebenen Rhythmus, sie sind immer vergangen, sie werden immer vergehen, und so muss es doch sein, keine Probleme, kein Grund zur Beschwerde. Rosen. Was bedeuten sie schon? Nein, nein, nichts bedeuten sie. Sie sind auch schon ganz kaputt, teilweise verdorrt, welcher Sinn ist ihnen gegeben? Gibt es einen Sinn? Na, für Rosen bestimmt nicht. Habe ich nicht Recht?

Ja. Ja, so ist es richtig. Sehr schön. Nur nicht weiter nachdenken, flüstert eine Stimme in meinem Kopf. Ich ignoriere die Kälte, die mich zu umhüllen beginnt. Es wird ja auch schon dunkel. Und ich bin nicht traurig, nein, wieso sollte ich denn auch…?

Ich spüre den Stich eigentlich gar nicht, sehe nur die Bluttropfen, die aus den winzigkleinen Wunden in meiner Handfläche das Licht der Welt erblicken und wundere mich über die tote Blume, die in meinen Fingern liegt aber noch immer, noch immer duftet! Die Sonne ist untergegangen. Alles wird kalt. Ich drehe mich um und gehe. Denn ich kann nichts tun. Die Rosen werden jedes Jahr aus Neue blühen.

28.2.08 23:48

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